Verfasst von: globowriter | Februar 29, 2008

Durch die Canale des Elsaß

Spaß hat Franck nicht an diesem Nachmittag, zu viele Freizeitkapitäne, die gleichzeitig ablegen wollen. Lustlos schlurft der junge Mann an Bord und erklärt zunächst die Tabuzonen auf unserem Hausboot: Anker, Motor, Gasflasche – überall gilt: Finger weg! Selbst die Rettungswesten, original verpackt in einem Schränkchen, so verrät Francks Schulterzucken, sind überflüssig: Die Kanäle im Elsass sind 1,80 tief, da können schiffbrüchige Männer locker noch stehen. Männer wie meine Kollegen David, Michael, Benjamin und ich. Auch die 40 Sicherungsknöpfe für die elektrischen Geräte an Bord zeigt Franck nur der guten Ordnung halber, ebenso die Feuerlöscher. Erst die Pumpe für die Toiletten bedarf eines Selbstversuchs, dann steckt der Schlüssel neben dem Steuerrad, und der Dieselmotor beginnt zu schnurren. Einmal ablegen und anlegen, befiehlt Franck, schon löst sich die Calypso 1 aus ihrer Parklücke. Ich drehe eine Runde im Hafenbecken von Hesse, soll rückwärts wieder anlegen, und weil Franck vorsagt, was zu tun ist, schaukeln wir schließlich wieder sicher am Kai. Das war’s, signalisiert Franck und lässt uns etwas ratlos zurück. Sechs Tage liegen vor uns, zweimal 21 Schleusen und 130 Kilometer. Sechs Tage, in denen wir die Kapitänsaufgaben teilen und unsere Erlebnisse in Logbüchern festhalten werden. In Höchstgeschwindigkeit tuckern wir in die Abendsonne, überholen schwarzweiß gefleckte Kühe, haben aber gegen die Rad fahrenden Rentner auf dem Uferweg keine Chance. Nach zwei Stunden erreichen wir Gondrexange, wo wir abbiegen in den Saar-Kohle-Kanal und zur ersten Nacht festmachen. Der Saar-Kohle-Kanal: ein grauer Name, der Industrie verspricht, Lärm und Gestank. 1866 wurde die 63 Kilometer lange Wasserstraße vom Saarland in Richtung Straßburg eröffnet, um Europas reichhaltigste Kohlevorkommen für Frankreichs Industrie zu erschließen. An seinen Ufern tummelten sich Seeleute und Schleuser; heute, 140 Jahre später, liegt die Flussschifffahrt danieder. Und der Saar-Kohle-Kanal hat neben seiner Bedeutung jeglichen Geruch von Kohle verloren. Nur noch Hausboote durchkreuzen die Wälder und Auen zwischen Gondrexange und der Grenzstadt Sarreguemines, 2000 pro Jahr. Ein Geheimtipp unter Freunden stiller Naturerlebnisse. Vor den Wäldern und Auen stehen die Teiche, hunderte haben die Fürsten des Landes hier angelegt. Nun dienen sie als Wasserreserve für den Kanal und Hobbyanglern wie Benjamin als Revier. Für 30 Euro hat er das Recht erworben, im Trübgrünen zu fischen; Zander, Hecht, Wels, Karpfen, Aal, Schleie und Rotauge bevölkern Teiche und Kanäle im Elsass. Doch anstatt anzubeißen, knabbern sie bloß Benjamins Weißbrotköder vom Haken. „Ich habe keine Ahnung vom Angeln“, vertraut er seinem Logbuch an, nachts träumt er „von großen Karpfen. Sie blubbern mich an, vielleicht lachen sie mich aus.“ David entwickelt derweil Hochseeallüren: „Da ich die Mannschaft in Hinblick auf den nächsten Tag schonen wollte, verzichtete ich darauf, Wachen abzustellen“, schreibt er, vermutlich nach einem allerletzten Glas Rotwein. Am nächsten Morgen, kurz nach dem Ablegen, eine Begegnung mit Landsleuten. Mit panischen Armbewegungen rudern sie auf ihren festgemachten Hausbooten durch die Luft. „Zwei!“, brüllt einer immer wieder, „zwei! Uns fliegen die Kaffeetassen vom Tisch.“ Offensichtlich haben wir zu rasch Fahrt aufgenommen, erst als wir auf die geforderten zwei Stundenkilometer drosseln, dröhnt uns ein höhnisches „Danke!“ entgegen. „Good old Germany“, kritzelt Michael zynisch in sein Logbuch. Dann geraten wir in die Hände einer legalen Schleuserbande. Zwei flinke Jungs begleiten uns bis Mittersheim, um 15 Schleusen mit eisernen Hebeln zu öffnen und zu schließen. Schließlich übernimmt eine gelbe Fernbedienung ihre Arbeit. Mittersheim. Nie im Traum wären wir darauf gekommen, Mittersheim zu besichtigen. Nun tun wir es: ein unscheinbares Dorf am Fuße der Vogesen, 600 Einwohner, zwei Bäcker, eine Post, ein Wasserturm. Wer auf dem Kanal reist, reiht nicht Sehenswürdigkeiten aneinander wie ein Autofahrer. Sondern würdigt das am Ufer Liegende. So lerne ich Melanie im Café du Port kennen, die mir Fotos aus Zeiten zeigt, da im Stall nebenan noch Zugpferde untergebracht waren und die Schleuser in Dutzenden gezählt wurden. „Haben einen blinden Passagier zurückgelassen, eine Salami fressende Katze“, notiert Michael am nächsten Morgen. Es geht weiter hinab in Richtung Saarland, Schleuse für Schleuse. David verschläft den Start und wittert in seinem Logbuch „Meuterei. Während ich schlummerte, legte die Mannschaft eigenmächtig ab.“ Bei einem Waldspaziergang finde ich einen Steinpilz und verarbeite ihn zu einem Miniragout. Ansonsten hat Benjamin die Kombüse übernommen, nicht ohne bösen Verweis auf die Vortage: „Bisher schien mir das Essen zu lieblos zubereitet.“ Den Wäldern folgen Auen. Bei Sarralbe führt der Kanal auf einem gewaltigen Aquädukt über das Flüsschen Albe hinweg. Dann schmiegt sich mit einem Mal die Saar an ihren eigenen Kanal. Eine schmale, lang gezogene Halbinsel trennt ungebeugtes Mäandern von konstruierter Geradlinigkeit. Kurz vor Schleuse 22, wenige Kilometer vor Sarreguemines, beschließen wir umzukehren. David wendet die Calypso 1 „in einem heiklen Manöver“, wie er selbst notiert. Später sammeln er und Michael trockenes Holz für ein abendliches Lagerfeuer. Benjamin verfüttert weiter Weißbrot an die Kanalfauna. Am nächsten Morgen liegt Nebel auf Fluss und Kanal. Ich steuere vom Deck aus, tauche mit der Calypso 1 zurück in die grünen Tunnel des Laubwalds. Als erste Sonnenstrahlen den Nebel zerstäuben, erreichen wir wieder die Welt der Schleuser, wo uns anstelle der beiden Jungs deren schwarz gelockte Kollegin Hélène empfängt. „Kaum ist man fünf Tage auf hoher See, schon reicht eine Schleuserin aus, die gesamte Mannschaft verrückt zu machen“, notiert Michael. Doch alle Versuche, Hélène an Bord einzuladen, schlagen fehl. Was Hélène entgeht, ist der Zauber eines weiteren Festmahls und Benjamins hysterischer Aufschrei, als plötzlich doch fingergroßes Zappeln an seiner Angel hängt: Ein Rotauge hat sich erbarmt und den Baguetteköder geschluckt. Was folgt, ist eine Mischung aus Einsicht und Mitleid: zu groß die Mannschaft, zu klein der Fisch. Rotauge darf weiter leben. Zur abendlichen Tagliatelle serviert unser Küchenchef den Seelachs aus dem Supermarkt. Auch an der letzten Anlegestelle lese ich aus der Odyssee vor, den zwölften Gesang, an dessen Ende der Held in der letzten Nacht heimgeführt wird „gen Ogygia, wo Kalypso, die schön gelockte, die hehre melodische Göttin, huldreich nahm mich auf“. Unsere Calypso hingegen, die gleißend weiße, unsere 13,25 Meter lange und 4,10 Meter breite Flussyacht mit dem goldgelben Schirm auf dem Sonnendeck – sie entließ uns tags darauf wieder in den Hafen, wo uns unsere Autos, Asphalt und Verkehrslärm erwarteten. Peter Linden In den Händen von Schleusern . Hausboote: Eine Woche mit einem Boot des beschriebenen Typs (drei Zweibettkabinen) kann über den Veranstalter Crown Blue Line (Tel. 0 61 01 / 5 57 91 11, www.crownblueline.com) gebucht werden und kostet je nach Saison 1795 bis 3020 Euro. Optional gibt es Fahrräder (30 Euro pro Woche) und Angellizenz (30 Euro für zwei Wochen). Hausboote für diese und andere Routen haben auch Kuhnle-Tours (Telefon 07 11 / 16 48 20, www.kuhnletours. de) und Locaboat Holidays (Tel. 07 61 / 20 73 70, www.locaboat.de) im Programm. . Verpflegung: Den Grundbedarf für die Kombüse sollte man vor Abreise decken, inklusive Spülmittel und Toilettenpapier. Bäckereien gibt es in Mittersheim und Harskichen, Supermärkte in Sarralbe und Sarreguemines. . Besonderer Tipp: Wer Zeit für einen Abstecher auf den Rhein-Marne-Kanal hat, sollte das Hebewerk von Arzwiller durchfahren, wo bis zu drei Hausboote in einem 41 Meter langen Wassertrog binnen 20 Minuten über 45 Meter an gewaltigen Stahlseilen emporgehievt oder hinabgelassen werden. Das 1969 eröffnete Hebewerk ersetzte 17 Schleusen zwischen Nancy und Straßburg (www.plan-incline.com). Im Streit um den Datenschutz von Fluggästen haben sich Europäische Union und USA geeinigt: Das US-Ministerium für Heimatschutz erhält von der Airline für jeden Passagier vor dessen Einreise exakt 34 persönliche Informationen übermittelt. Dieser so genannte PNR (Personal Name Record) darf dann in den USA zum Beispiel an die Terrorfahndung und das FBI weitergeleitet werden. Wer das Schweinesteak verschmäht und vegetarische Kost bestellt, der wird wohl die Aufmerksamkeit der Sicherheitsbehörden auf sich ziehen. Folgende Daten werden erhoben: 1. Der PNR-Buchungscode, der die gesamten Daten eines Passagiers umfasst. Der Buchungscode ist eine eindeutige Nummer zur Identifizierung. Beispiel: *YZN42E. 2. Datum der Reservierung. Beispiel: 10. Februar. Auffällig für die Terroristenfahndung ist, wenn der Passagier das Ticket am Airport unmittelbar vor dem Flug gekauft hat. 3. Geplante Abflugdaten: Termine, Strecken, Flugnummern der gesamten Reise. Auffällig sind Lücken in der Route. 4. Name des Reisenden mit vollständigem Vornamen, Titel, Geschlecht. Beispiel: Sample, Michael, Mr. Als auffällig gelten orientalisch klingende Vornamen. 5. Andere Namen im PNR: Namen weiterer gemeinsam reisender Passagiere (Kind, Ehefrau). 6. Anschrift: Bei Buchungen über Reisebüros steht hier meist die Adresse des Reisebüros. 7. Zahlungsart: Sie enthält zum Beispiel Kreditkartennummer, Bankverbindung, Währung. 8. Rechnungsanschrift: Hier steht bei Geschäftsreisenden meist der Arbeitgeber. 9. Telefonnummern: Privatnummer, Handy, Telefon am Reiseort. 10. Gesamter Reiseverlauf: Hier erfährt der US-Zoll zum Beispiel weitere separat gebuchte Tickets, Mietwagenreservierungen, gebuchte Hotelzimmer, Rundreisen. 11. Vielflieger-Eintrag: Bei welchem Meilenprogramm wird der Flug gutgeschrieben? Wie viele Meilen hat der Passagier dort bereits gesammelt? Besitzt er einen Silberoder Goldstatus? Auf welchen Flugstrecken frühere Meilen gesammelt wurden, wird angeblich nicht weitergeleitet. 12. Reisebüro: Dieses Feld gibt Auskunft zum Beispiel, ob das Ticket im Internet oder an einem Automaten gekauft wurde. 13. Bearbeiter: Angestellter des Reisebüros. 14. Codeshare: Information, ob zum Beispiel ein Lufthansa-Ticket gebucht, der Flug aber in einem United-Airlines-Flugzeug angetreten wird. 15. Reisestatus des Passagiers: Beispiele: fest gebucht, auf Warteliste. 16. Splitting: Information über die nachträgliche Teilung einer Buchung, wenn zwei ursprünglich gemeinsam gebuchte Passagiere doch nicht zusammen reisen. 17. E-Mail-Adresse des Passagiers. 18. Ticketing: Beispiele: Ticketnummer, Gültigkeitsdauer des Tickets. 19. Allgemeine Bemerkungen: Typisch sind hier Infos des Reisebüros, etwa dass der Gast auf Hochzeitsreise ist. 20. Die Flugscheinnummer. 21. Sitzplatznummer einschließlich Information, ob der Sitz am Gang oder Fenster liegt. 22. Datum der Flugscheinausstellung einschließlich aller zwischenzeitlichen Änderungen. 23. No show: Historie nicht angetretener Flüge. Hier steht, welche reservierten Flüge der Gast in der Vergangenheit verfallen ließ. 24. Baggage Tag: Nummern der Gepäckanhänger. 25. Go show: Information, ob ein Fluggast zwar einen Flugschein, aber keine Reservierung hat. 26. OSI: Other Service Requests. Hier werden Infos für die Airline ohne spezielle Anforderung hinterlegt. Beispiele: „Reist mit sechsmonatigem Kind“, „Reist mit Kontrabass“. 27. SSI/SSR: Special Service Information, Special Service Requests: Anforderung einer Leistung oder Antwort von der Airline, etwa Diätessen, Rollstuhl. Beispiel: SAVGML (SA = alle Flugstrecken, VGML = vegetarisches Menü). 28. Received from: Auftraggeber des Flugscheinkaufs. 29. PNR History: Alle Änderungen, zum Beispiel hinzugekommene oder weggefallene Mitreisende oder die Änderung von Abflugdaten. 30. Zahl der Reisenden im PNR. 31. Sitzplatzstatus: Ist der reservierte Sitzplatz besetzt worden oder noch offen? 32. Einfache Strecke. Wer einen Oneway- Flugschein gebucht hat, muss sich auf umfangreichere Kontrollen einstellen. 33. Advanced Passenger Information System: APIS ist das System der vorab erfassten Passagierdaten. Die Airline liest beim Einchecken die im Pass enthaltenen Daten ein wie Nationalität, Nummer, Gültigkeitsdauer, Geburtstag, Geburtsort, Wohnsitz, Nummer des US-Visums plus Ausstellungsdatum und Ort, dazu die erste Adresse in den USA sowie die Heimatadresse. 34. ATFQ (Automatic Ticket Fare Quote). Automatische Tarifabfrage. Hier stehen der gebuchte Tarif und der bezahlte Preis für das Ticket. Hans-Werner Rodrian Mit dem Hausboot vom Elsass ins Saarland: Vier Kapitäne auf dem Saar-Kohle-Kanal genießen stille Natur, sinnieren über Fischfang und schreiben Logbücher. INFO Wer in die USA reist, muss viele Daten preisgeben. Die Europäische Union und die USA haben festgelegt, welche Informationen erfasst und weitergeleitet werden. Verräterische Daten Saarkohlekanal Marne-Rhein-Kanal 30 km Grafik: mk Mosel Saar Meurthe Rhein Luxemburg Saarbrücken Metz Nancy Strasbourg Sarreguemines Sarrebourg Gondrexange Trier kohle Saar-Kohle-Kanal FRANKREICH Ahoi! Bootsfahrer winken sich gerne zu , Freizeitkapitäne lieben professionelles Outfit: Mütze, Sonnenbrille und Pfeife. Bilder: Linden Vegetarier oder Vielflieger? Amerikanische Behörden wissen viel über Reisende aus Europa.

(Sonntag Aktuell)


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